2 Bedeutung und Trends des Tourismus in Deutschland
2.2 Das Reiseverhalten der Deutschen und aktuelle Trends
"Noch nie hatten die Deutschen [.] so viel Freizeit. Die werktägliche Freizeit nahm in den letzten vierzig Jahren von 1,5 [.] auf 4,1 Stunden [pro Tag] zu, die Wochenendfreizeit verlängerte sich von 1,5 auf 2 Tage und die Urlaubsdauer hat sich von 9 auf 31 Tage mehr als verdreifacht [.]. Urlaub ist eine Entdeckung des 20. Jahrhunderts."11
Freyer stellt in seinem Buch die sechs " Boomfaktoren" des Reisens dar, die sich etwa seit Ende des zweiten Weltkrieges herausgebildet haben. Er sieht u.a. die Zunahme des Einkommens und des allgemeinen Wohlstands in Deutschland als einen Faktor, der das Reisen und den Tourismus begünstigt. Dazu kommt ein Wertewandel von der Arbeits- zur Freizeitgesellschaft, eine erhöhte individuelle Motorisierung und Mobilität und ein verbessertes Kommunikationswesen. Reisen ist für viele Menschen eine Flucht aus der Hektik und dem Stress der Großstadt hin zur Ruhe der Natur geworden.12
Nicht zuletzt stellt die gesamte Tourismusindustrie eine treibende Kraft im deutschen Fremdenverkehr dar.13
"Eine ganze Reihe von Rahmenbedingungen hat den Tourismus vor neue Schwierigkeiten gestellt. Terroranschläge, Krieg und Kriegsdrohungen, Diskussionen über die wirtschaftliche Situation in Deutschland gehören genauso dazu wie brancheninterne Entwicklungen bei Reiseveranstaltern und in Reisezielen."14
Aufgrund der oben genannten Tatsachen änderte sich das Urlaubsreiseverhalten der Deutschen ebenso wie ihre Präferenzen für die Zukunft. Eine Studie der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen e.V. zeigt auf, dass sich die Interessenbekundungen für einzelne Urlaubsländer in den vergangenen zwei Jahren deutlich gewandelt haben. Die nachfolgende Quelle zeigt das Interesse bestimmter Reiseziele der Deutschen auf.
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Im Jahre 2002 wurden insgesamt 63,1 Mio. Urlaubsreisen unternommen, die eine Mindest-dauer von 5 Tagen hatten. Das sind 0,36 Mio. Reisen weniger als im Vorjahr. 18% der Deutschen machten zwei oder sogar mehr Urlaubsreisen. Im Durchschnitt unternahm jeder Urlaubsreisende ,3 Urlaubsreisen. Dazu kommen noch rund 53 Mio. Kurzurlaubsreisen von zwei bis vier Tagen Dauer.17
Abbildung 1: Entwicklung Interesse für Reiseziele 2001 und 2003
Quelle: Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen e.V., Reiseanalyse 2002-2003
Generell lässt sich in Deutschland ein Reisetrend beobachten, der maßgeblich mit den schon erwähnten genannten neuen Rahmenbedingungen zusammenhängt. Das F.U.R. Institut untersuchte 2002 die Aspekte, welche bei der Wahl des Reiseziels eine mehr oder weniger große Bedeutung haben.
Aus den Untersuchungsergebnissen des F.U.R. Institutes lässt sich deutlich erkennen, dass persönliche Sicherheit am Urlaubsort an oberster Stelle aller abgefragten Reisezielentscheidungskriterien stand: "86% aller Deutschen gaben an, dass der Aspekt der persönlichen Si-cherheit für sie "besonders wichtig" (49%) oder "wichtig" (37%) ist. Damit steht dieser As-pekt deutlich an erster Stelle, wichtiger als der Preis ("gutes Preis-Leistungsverhältnis: 83%) oder "das sonnige, warme Wetter" (78%). Ebenfalls gaben 78% aller Deutschen an, dass eine "akzeptable politische und soziale Situation im Reiseland" für sie "besonders wichtig" oder "wichtig" seien."15
Tendenziell werden Zielgebiete mit eher stabilen sozialen und politischen Verhältnissen bevorzugt, auch Reiseziele, die in weniger großem Maße Touristen anziehen, werden tendenziell bevorzugt, da typische Massenziele mit den dort allgegenwärtigen Symbolen westlichen Lebensstiles aus der Sicht potenzieller Terroristen eher für solchen Anschläge ausgewählt werden. Auch "gesicherte" Hotelanlagen und Clubanlagen, die nur durch verstärkte Sicherheitskontrollen am Eingang direkt betreten werden können, dürften in Zukunft in größerer Zahl Touristen anziehen.
Ganz unabhängig von dieser Entwicklung darf allerdings nicht vergessen werden, dass die aktuelle schlechte wirtschaftliche Situation in Deutschland und die Aussichten für die Zukunft weiterhin einen entscheidenden Einfluss auf die Reisepläne der Deutschen haben.
Die Reiseanalyse 2002 der F.U.R. hat gezeigt, dass die Reiseintensität der Deutschen im vergangenen Jahr von 76,1 % auf 75,3 % zurückgegangen ist. Im Jahre 2002 haben demzufolge 48,4 Mio. Personen eine Urlaubsreise unternommen. Ein Rückgang von 0,4 Mio. Reisenden lässt sich zum Vorjahr verzeichnen.16
Im Jahre 2002 wurden insgesamt 63,1 Mio. Urlaubsreisen unternommen, die eine Mindest-dauer von 5 Tagen hatten. Das sind 0,36 Mio. Reisen weniger als im Vorjahr. 18 % der Deut-schen machten zwei oder sogar mehr Urlaubsreisen. Im Durchschnitt unternahm jeder Urlaubsreisende 1,3 Urlaubsreisen. Dazu kommen noch rund 53 Mio. Kurzurlaubsreisen von zwei bis vier Tagen Dauer.17
"Vor dem Hintergrund der gewandelten Rahmenbedingungen erscheinen die für 2002 erreichten Werte in den Eckdaten erstaunlich stabil. Diese Stabilität der Nachfrage dürfte sich vor allem durch den hohen Grad der Reisegewöhnung der Deutschen erklären. Die Urlaubsreisen sind heute ein "normales Konsumgut, auf das sie nur unter extremen Umständen bereit sind zu verzichten."18
Aus der Reiseanalyse 2002 der F.U.R. geht hervor, dass etwa ein Drittel aller Urlaubsreisen innerhalb von Deutschland stattfanden. Deutschland hat mit 31 % Marktanteil und 19,2 Mio. Urlaubsreisen eine größere Bedeutung wie die Nummer zwei auf der Liste, Spanien (13 % Marktanteil, 8,2 Mio. Reisen) und ist über dreimal so bedeutend wie die Nummer 3, Italien (9 % Marktanteil, 6 Mio.Reisen).19
Abbildung 2: Urlaubsziele der Deutschen 2002
Quelle: Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen e.V. 2002
Die vorliegende Grafik verdeutlicht, dass das Bundesland Bayern mit 6,5 % Marktanteil das beliebteste Urlaubsziel im Inland ist. In den letzten Jahren konnte sich der Norden Deutsch-lands in der Gunst der Urlauber steigern. Mecklenburg-Vorpommern erreichte einen Marktan-teil von 4,5 % , gefolgt von Schleswig-Holstein mit 4,1 % Marktanteil und Niedersachsen mit einen Marktanteil von 3,8 %. Auch im Ausland lassen sich deutliche Veränderungen der Zielpräferenzen erkennen. Die "großen" Reiseziele wie Spanien und Italien mussten Marktanteile abgeben. Auf der Gewinnerseite dagegen stehen neue Urlaubsländer wie Slowenien, Kroatien, Bulgarien und die Türkei. Trotzdem bleibt Spanien, gefolgt von Italien das beliebteste Reise-ziel der Deutschen.20
Abbildung 3: Top 5 Deutsche Urlaubsziele Marktanteil in %
Quelle: Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen e.V., Reiseanalyse 2002-2003
Die durchschnittliche Reisedauer ist im Verlauf der vergangenen Jahre (1993-2002) von 13,8 auf 13,5 Tage gesunken. Trotz gesunkener Reisedauer sind die Reiseausgaben pro Person und Urlaubsreise gestiegen. Das kann zum einen an der Erhöhung der Preise für Pauschalreisen liegen und zum anderen an der allgemeinen Anhebung der Preise (Gaststätten, Ausflüge) nach der Euroeinführung.
Die in 2001 begonnene Negativentwicklung für den Flugzeugverkehr setzte sich im Jahr 2002 weiter fort. 31,5 % bedeuten den schwächsten Marktanteil seit 6 Jahren. Der PKW als Transportmittel dagegen konnte entgegen dem langjährigen Trend sein dominierende Stellung ausbauen.21
Abbildung 4: Reiseanalyse 2003/Urlaubsreisen 2002
Quelle: Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen e.V., Reiseanalyse 2002
Zusammenfassend lässt sich die Aussage treffen, dass sich das Reiseverhalten der Deutschen im unter-suchten Zeitraum nicht gravierend geändert hat. Die Gesamtanzahl der Urlaubsreisen ist relativ konstant geblieben es haben sich lediglich die Reiseziele in die Länder mit sicheren politischen Verhältnissen verlagert. Länder mit erhöhtem Risiko für Terroranschläge (Tunesien, Ägypten, Arabische Staaten) wurden weniger bereist. Das Interesse an Pauschalreisen ist ungebrochen, im Trend sogar wachsend, was sich eventuell auch auf ein erhöhtes Sicherheitsbedürfnis zurückführen lässt.
11 Opaschowski, 1995, S.17 f.
12 vgl.Vogel, 1993, S.286-293
13 vgl. Freyer, 1993, S.30 ff.
14 Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen e.V.
15 Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen e.V.2002
16 F.U.R. Reiseanalyse 2002
17 F.U.R. Reiseanalyse 2002
18 F.U.R. Reiseanalyse 2002
19 vgl. Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen e.V., Reiseanalyse 2002
20 F.U.R. Reiseanalyse 2002
21 F.U.R. Reiseanalyse 2002
